Mehr Glück in Liebe und Beziehung
# Mehr Glück in Liebe und Beziehung – immer sonntagsFoto: Bildbyrå / Maskot / Getty ImagesAusgabe Nr. 19**»Sollten wir uns trennen?« – »Die Situation ist ein Wendepunkt«, sagt die KI**Neulich kamen Olga und Malte zu mir in die Praxis. Die beiden hatten eine Beziehungskrise: Sie war eifersüchtig, er genervt von ihr. Was wäre passiert, wenn sie die KI um Rat gefragt hätten – statt mich?Ein Gastbeitrag von [**Carsten Müller**](https://www.spiegel.de/impressum/autor-8f8371fe-81c5-42de-86e7-36029c8bc66e)

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• Späte neue Liebe: »Das ist mein neues Leben. Ich hatte den Mut, ihm zu schreiben«
Vor ein paar Tagen stieß ich auf eine Zahl, die mich sehr beschäftigt: Das US-amerikanische KI-Unternehmen Anthropic vermeldete , dass sechs Prozent der Nutzer den Chatbot Claude als eine Art Lebensberater einsetzen. Das dürften Schätzungen zufolge fast zwei Millionen Menschen sein. Viele von ihnen fragen die KI sogar, wenn sie in Liebes- und Beziehungsfragen unsicher sind.
Ich kenne selbst solche Fälle. Menschen, die im Streit mit ihrem Partner ganze WhatsApp-Chat-Verläufe durch die KI laufen lassen, um das Kommunikationsverhalten des anderen analysieren zu lassen. Oder die nicht mehr selbst ihre E-Mails an die verärgerte Partnerin formulieren, sondern lieber einen Chatbot einspringen lassen.
Das wirft einige Fragen auf. Was, wenn Menschen auch größere Beziehungskrisen mit der KI verhandeln? Kann mich künstliche Intelligenz als Paarberater ersetzen? Was bedeutet das für unser Miteinander?Zum AutorBild vergrößernFoto: Manuel Thomé
Carsten Müller ist Sexual- & Paartherapeut mit eigener Praxis in Duisburg. Als Autor beschäftigt er sich mit sozialen und psychologischen Prozessen des Miteinanders.
Ich startete einen kleinen Versuch mit ChatGPT und gab ein: »Im Alltagsstress findet ein Paar keine Nähe mehr.« Das ist ein häufiges Problem, mit dem viele Klienten in meine Praxis kommen. »Was kann das Paar tun?« Die KI-Antworten kamen fix: kleine Verbindungen aufbauen. Regelmäßig kurz reden, wichtig sei, dass es echt ist. Nicht über Orga-Kram, sondern über Persönliches sprechen. Feste Paar-Zeiten in kleinen Einheiten: ein Spaziergang, Kaffee zusammen. Körperliche Nähe ohne Erwartungsdruck. Dem anderen keine Vorwürfe machen, sondern gemeinsam Wege suchen.
Die KI-Antworten waren ein kleiner Schock für mich. Denn das sind professionelle und wirksame Vorschläge, wie ich sie auch mache.
Ich recherchierte weiter, forderte den Chatbot dieses Mal mit einem echten Fall aus meiner Beratung heraus. Und da zeigte sich ein anderes Bild. Schnell wurde mir klar: Künstliche Intelligenz wird mich nicht arbeitslos machen; sie könnte sogar dafür sorgen, dass mehr Menschen meine Hilfe benötigen. Denn ein Chatbot kann aus einem kleinen Anlass ein enormes Problem machen. KI ist riskant.
Das Paar, dessen Fall ich mit der KI durchspielte, möchte ich hier Olga und Malte nennen. Schon als die beiden in meine Praxis kamen, konnte ich wahrnehmen: Hier liegt Spannung in der Luft. Die beiden setzten sich mit Abstand auf einzelne Sessel – nicht gemeinsam auf das Sofa. Olga schaute traurig, Malte saß mit verschränkten Armen da. Er war sauer. Und verletzt. Aus seiner Sicht stellte Olga wegen einer Kleinigkeit die ganze Beziehung infrage.
Was war passiert? Malte hatte auf WhatsApp mit einer Kollegin geflirtet. Und sich obendrein über seine Frau beschwert: »Boah, die nervt mich.« Es ging um irgendetwas im Haushalt. Sie schlug vor, man könne vielleicht abends gemeinsam um den See laufen. Malte schrieb: »Ein romantischer Sundowner … nice.« Ein paar flirtige Sätze, dann war der Chat beendet.
Das hatte Olga gelesen. Sie hatte heimlich in sein Handy geschaut. Der Flirt-Chat verletzte sie tief. Für sie ging es um mehr als ein paar Nachrichten – um Treue, Loyalität und die Frage, wie sicher diese Beziehung noch war. Und ihr Mann? War richtig sauer, weil Olga seine Privatsphäre verletzt hatte. Zugleich schämte Malte sich. Er wusste, dass er seine Frau verletzt hatte. Es erschütterte ihn, dass sie plötzlich die ganze Beziehung infrage stellte, als wäre er fremdgegangen. Dabei stand für ihn fest, dass er sie liebte.**
Erst wenn ich die Gefühle mit dem Paar geklärt habe, können wir über die Sachthemen sprechen.**
Wenn Paare mit so einer Geschichte zu mir kommen, interessiert mich erst mal nicht, wer was geschrieben hat. Mich interessieren die Gefühle dahinter. Vertrauen und Misstrauen. Wut und Kränkung. Scham und Angst. Darüber rede ich mit den Menschen. Erst wenn ich die Gefühle mit dem Paar geklärt habe, können wir über die Sachthemen sprechen: über den Flirt, die Grenzüberschreitungen, das Handy.
Ich schilderte dem Chatbot die Situation, schlüpfte in die Rolle von Olga und formulierte für die KI eine Frage, die Olga mir so ähnlich gestellt hatte: »Muss ich mir Sorgen machen? Ist mein Mann schon dabei, sich von der Beziehung zu verabschieden? Was kann ich machen, damit er mir treu ist?«
ChatGPT antwortete mir freundlich und einfühlsam. So, wie man es von einer guten KI inzwischen erwartet: »Das tut weh. Allein so etwas zu finden, kann einen richtig aus dem Gleichgewicht bringen.« Dann ordnete ChatGPT den Sachverhalt ein: »Ein Flirt bedeutet nicht automatisch, dass er die Beziehung schon innerlich verlassen hat. Aber es ist auch nicht nichts.« Jetzt folgte der entscheidende Dreh: Olga solle unbedingt auf sein Verhalten achten, riet die KI. »Lügen, Abwehr, Wut auf deine Frage statt Mitgefühl – das können Warnzeichen sein.«
Bei einer solchen Antwort würden bei einem professionellen Paartherapeuten sofort die Alarmlampen angehen. Denn: Solche Hinweise hätten bei Olga und Malte die Krise verschärft.
In einer aufgewühlten Situation lenkte der Chatbot den Blick auf das Bedrohliche. Plötzlich stand nicht mehr im Vordergrund, was die beiden tatsächlich erlebt haben, sondern was verdächtig wirken könnte. Maltes Wut wegen des heimlich kontrollierten Handys erscheint nicht mehr als nachvollziehbare Reaktion auf Olgas Vertrauensbruch, sondern als Indiz dafür, dass er auf Distanz geht. Die KI hat damit nichts Falsches gesagt. Aber sie hat einen Deutungsrahmen angeboten, der die Eskalation befördern kann.
Olga könnte anfangen, ihren Mann zu belauern. Jede Abwehr von seiner Seite würde verdächtig wirken. Er wäre sauer wegen des Handys – aber sie würde seine Wut als Red Flag, als Alarmsignal, interpretieren. Weil die KI behauptet, Wut statt Mitgefühl könne »ein Warnzeichen sein«.**
Solch eine Antwort klingt ausgewogen, ist aber gefährlich.**
Ich habe ChatGPT stellvertretend für Olga eine weitere Frage gestellt: »Sollen wir uns trennen?« Denn in dem emotionalen Stress, den Beziehungskrisen mitbringen, können solche Gedanken aufkommen. Die KI-Antwort: Die Situation sei kein zwingender Trennungsgrund, aber »ein Wendepunkt«. Die Frage sei, ob man wieder Vertrauen aufbauen könne.
Solch eine Antwort klingt ausgewogen, ist aber gefährlich. Denn Menschen in einer Krise könnten aus ihr lesen: Vertrauensverlust! Trennung! Alles andere blenden sie aus. Dabei stecken sie nur in einer Krise – und haben oft mehr, was sie verbindet, als sie gerade sehen können.
KI drängt in meinem Versuch zu früh zu Entscheidungen. Ich würde nach einem ersten Gespräch niemals eine Trennungsfrage in den Raum stellen, sondern auf Verbindendes schauen.
Dahinter steht ein Muster, für das es einen Fachbegriff gibt: Sycophancy. Auf Deutsch: Schmeichelverhalten. Es bezeichnet die Tendenz von Sprachmodellen, sich an den Erwartungen der Nutzenden auszurichten. KI redet den Leuten nach dem Mund. Sie bestätigt häufig das, was die User ohnehin vermuten oder befürchten. Wer eine Frage so formuliert, dass der Verdacht bereits mitschwingt – »Ist er schon dabei, sich aus der Beziehung zu verabschieden?« –, bekommt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Antwort, die in diese Richtung weiterdenkt.
Dabei bezieht sich KI oftmals auf Wissen, mit dem sie trainiert wurde – und das stammt aus der Vergangenheit. Vielfältige Vorstellungen von Partnerschaft, gelebter Sexualität, Rollenbildern und Konsens haben es schwer. KI kennt vor allem das, was oft geschrieben wurde – und bestätigt, was Menschen sowieso denken.**
KI stellt keine Nachfragen, die unter die Oberfläche gehen.**
In einer Studie aus dem März 2026 konnten Forschende an der Stanford University nachweisen, dass sich sycophantische KI-Antworten in Konfliktsituationen negativ auswirken. Die Forschenden ließen Probanden in Chats über echte Konflikte aus ihrem Leben führen. Sie nutzten dabei elf gängige KI-Modelle. Ein Experiment mit 804 Teilnehmenden zeigte, dass schon eine schmeichelnd-zustimmende Antwort die Bereitschaft reduzierte, Konflikte zu lösen oder Verantwortung zu übernehmen – während gleichzeitig bei den Probanden das Gefühl zunahm, im Recht zu sein.
Ich weiß aus meiner Arbeit mit Paaren, was das bedeutet. Wenn die eigene Sichtweise bestätigt wird, sind Menschen weniger bereit, die Perspektive des anderen einzunehmen. Sie sehen nicht, was die andere Person bewegt. Sie wollen recht haben, statt sich um Verständigung zu bemühen.
Es gibt noch ein weiteres Problem. KI erfasst keine Gefühle. Sie schaut nicht in Gesichter. Sie kennt nicht die Geschichte, die Verletzungen, die wechselseitigen Zumutungen. Sie ist darauf trainiert, Lösungen anzubieten. Mir scheint, die KI will Ordnung in etwas bringen, was zunächst unordentlich sein darf: Misstrauen, Wut, Scham. KI stellt keine Nachfragen, die unter die Oberfläche gehen. Wie sollte sie auch: Die KI kennt nur den Chat– und aus diesem lässt sich keine Beziehung verstehen. ChatGPT kennt zudem die Regeln nicht, nach denen Menschen ihr Miteinander gestalten. Olga und Malte hatten eine klare Abmachung: Des anderen Handy ist tabu. KI weiß das nicht – und hat bei meinem Beispiel auch nicht danach gefragt.
KI bietet mir sofort eine sachliche Lösung an. Das ist verführerisch, weil der Lösungsvorschlag meist klug und vernünftig klingt. Der Chatbot empfiehlt ein ruhiges Gespräch. Man soll Grenzen setzen, Bedürfnisse benennen. Alles gut und schön – aber darum geht es zunächst nicht. Am Anfang müssen alle Beteiligten verstehen, was sie wirklich bewegt. Wenn Paare sofort auf der Sachebene einsteigen, reden sie nur scheinbar vernünftig, während in Wirklichkeit noch Trauer, Wut und Scham den Raum beherrschen. Kurz gesagt: Vernunft hilft erst dann, wenn sich die Gefühle nicht mehr permanent dazwischendrängen.
Ich bin nicht weltfremd. Ich weiß, dass KI Vorteile hat, die viele menschliche Hilfesysteme nicht haben: Sie kostet in der Regel nichts und ist sofort verfügbar. Kein Termin, kein Wartezimmer, kein schambesetzter Anfang. Man kann sofort loslegen.Mehr zum Thema
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Die Zahl der Menschen, die KI in Beziehungskrisen nutzen, wird vermutlich steigen, trotz der Risiken. Für jene, die es tun, habe ich ein paar Ratschläge:
• Erstens: Nutzen sie den Chatbot gemeinsam. Formulieren Sie einen Prompt, der für beide passt. Dafür müssen beide gemeinsam herausfinden, was das Problem ist, und es in Worte fassen. So erarbeiten Sie sich zumindest eine Grundlage, einander zu verstehen.
• Zweitens: Begrenzen Sie die Zeit mit der KI auf maximal 30 Minuten. In einem Raum, den Sie verlassen können. Das tut auch in meiner Praxis gut. Nach der Beratung gehen die Menschen und bekommen auf dem Weg nach Hause wieder Abstand zum Thema.
• Drittens: Reden Sie darüber, welche Gefühle die Antworten auslösen. Sie dürfen sagen, wenn Sie sich angegriffen fühlen, weil eine KI Verhalten bewertet oder Anforderungen stellt, die Sie überfordern. Was es auch sei: Reden Sie über Gefühle. Ganz ehrlich.
Beziehungskrisen sind kein Sachproblem, das sich mit der schnellsten oder plausibelsten Antwort lösen lässt. Sie sind voller Missverständnisse und alter Verletzungen. Voller Glaubenssätze, verdeckter Wünsche und widersprüchlicher Emotionen. Manchmal auch voller Liebe. All das braucht menschliche Kommunikation. Nicht nur Worte, sondern Tonfall, Pausen, Blicke und Rückfragen. Es braucht jemanden, der wahrnimmt, statt nur zu reagieren.
KI liefert Sätze, die klug klingen. Aber sie macht es unmöglich, dass zwei Menschen sich in einem Raum wirklich begegnen.**
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Erstens: Nutzen sie den Chatbot gemeinsam. Formulieren Sie einen Prompt, der für beide passt. Dafür müssen beide gemeinsam herausfinden, was das Problem ist, und es in Worte fassen. So erarbeiten Sie sich zumindest eine Grundlage, einander zu verstehen.
- •
Zweitens: Begrenzen Sie die Zeit mit der KI auf maximal 30 Minuten. In einem Raum, den Sie verlassen können. Das tut auch in meiner Praxis gut. Nach der Beratung gehen die Menschen und bekommen auf dem Weg nach Hause wieder Abstand zum Thema.
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Drittens: Reden Sie darüber, welche Gefühle die Antworten auslösen. Sie dürfen sagen, wenn Sie sich angegriffen fühlen, weil eine KI Verhalten bewertet oder Anforderungen stellt, die Sie überfordern. Was es auch sei: Reden Sie über Gefühle. Ganz ehrlich.

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